Aller guten Dinge sind drei ... oder vier

Aller guten Dinge sind drei ... oder vier

Dieses alte Sprichwort beschwört eine fast schon philosophische Frage herauf: Was ist denn mit dem vierten Ding? Ist das per se schlecht? Beim vierten Star Wars Film (auch wenn er "Episode 1" genannt wurde) waren sich Fans und Kritiker weitgehend einig, dass der nix war. Als Dartagnan der vierte Musketier wurde, war dem nicht so. Er war nicht nur mein Kindheits-Star. Anders wieder bei Fluch der Karibik ... hätte man es da nur besser bei drei Teilen belassen. Es gibt also solche und solche vierten Dinge. Wo wird sich Industrie 4.0 einreihen?

Nach Industrie 1.0, dem Maschinenzeitalter Mitte des 18. Jahrhunderts, folgte mit der Elektrifizierung die zweite Industrierevolution. Als drittes Industriezeitalter galt bis Mitte der 1960er Jahre das Atomzeitalter, das letztlich jedoch keine wirkliche technologische Revolution anschob. Erst mit der Verbreitung des Computers, bildete sich der Begriff des "digitalen Zeitalters" als dritte technologisch-ökonomische Revolution heraus.

Mit Industrie 4.0 wird das Produkt von der Stange zum Auslaufmodell

Seit 2011 postuliert das Bundesministerium für Bildung und Forschung das vierte Zeitalter: Industrie 4.0. Dabei geht es nicht mehr um die Digitalisierung von Mensch und Büro, hier geht es um die Digitalisierung der Industrie. Produkte und Maschinen sollen Daten erzeugen und diese Daten untereinander austauschen, um den Produktionsprozess von außen steuerbar zu machen und Produkte so zu personalisieren. Dr. Bernd Flessner von der Universität Erlangen-Nürnberg schrieb dazu einmal: "Das Produkt von der Stange wird zum Auslaufmodell, in Zukunft wird alles maßgeschneidert." (1)

So wie der Kieferorthopäde heute noch jede einzelne Zahnspange als Unikat anfertigt, werden zukünftig unsere Kleider speziell für uns gefertigt, ebenso Möbel, Schuhe und der Seifenhalter für das Badezimmer. Produkte werden "á la minute" produziert und wo es geht, wandert die Produktion dank 3D-Druckern und DRM geschützter Druckvorlage sogar von der Fabrik auf unseren Schreibtisch. Auch das spart beim "Hersteller" – und zwar Material und Lieferkosten. Aber nicht nur das.

Bald werden aber nicht nur die Produktionsmaschinen untereinander kommunizieren, sondern auch die von ihnen hergestellten Produkte. Das Internet der Dinge kommt. Es muss kommen, denn sonst macht Industrie 4.0 gar keinen Sinn und wird zum Rohrkrepierer. Zahnspangen müssen mit der Zahnbürste sprechen, Milchtüten mit dem Kühlschrank, der wiederum mit der Einkaufs-App auf dem Smartphone. Und alle müssen ihrem Schöpfer Daten schicken. Ohne das Internet der Dinge könnte Industrie 4.0 sonst sein wahres Ziel niemals erreichen: Optimierung von Kosten, Herstellung, Lagerung, Lieferung und – in der heutigen Zeit auch wichtig – Optimierung von Recycling. Computer, die Produktionen planen und überwachen, müssen vom Produkt erfahren, wann es kaputt geht und warum. Die Maschine, die es post-mortem in seine Komponenten zerlegt, muss erfahren, aus was das Produkt besteht. Damit das geht, muss alles und jedes während des gesamten Lebenszyklusses Daten liefern – und dazu online sein. Immer und überall.

Smartphone mit App zur Steuerung der HaustechnikSmart-Home - die Betaversion von Industrie 4.0?

Smart-Home ist die Betaversion von Industrie 4.0

Heute schon sind Rollläden online, ebenso Videorekorder und Glühbirnen. Sie lassen sich von unterwegs runterfahren oder an- und ausschalten. Smart-Home heißt das und ich nenne das die Betaversion von Industrie 4.0! Diese Betaversion ist aber noch lange nicht alltagstauglich. Sie ist fehlerhaft, weil es für viele Hersteller ein Novum ist, ihre Produkte überhaupt onlinefähig zu machen. Die Herausforderung ist aber, dass auch Zahnbürstenhersteller, Schuhfabrikanten, Schreiner und Manufakturen von Wasserhähnen ihre Waren nicht nur ins Netz bekommen, sondern diese Geräte auch nicht von Fremden manipulierbar sind.

Vor 9/11 konnte sich wohl kaum jemand vorstellen, dass Passagierflugzeuge auch Waffen sein können. Vor dem Internet der Dinge konnte sich niemand vorstellen, dass man mit einem Online-Wasserkocher über das Internet ohne Spuren zu hinterlassen eine Küche in Brand setzen kann. Wir müssen also damit rechnen, dass alltägliche Gegenstände nicht mehr nur das tun, wofür sie produziert wurden. Alle Waschmaschinen einer Marke könnten zeitgleich tausende Wohnungen unter Wasser setzen, SAT-Receiver in der Ukraine nur noch pro-russische Sender anzeigen und elektrische Mundspülungen den Druck so erhöhen, dass das Zahnfleisch durchbohrt wird. Heizungen bleiben selbst im Winter kalt und Autos mit bestimmten Chips im Motor fahren nur noch 42 km/h – zumindest so lange, bis Bitcoins auf Erpresserkonten eingezahlt werden.

Größte Bedrohung oder technologische Revolution?

Das ist es, was der ehemalige Anti-Virensoftware-Hersteller John McAfee beim Internet der Dinge als "größte Bedrohung aller Zeiten" bezeichnet. Wenn Milliarden Geräte online sind und kommunizieren, wird es Millionen davon geben, die gar nicht oder schlecht gegen unbefugten Zugriff geschützt sind.

Grafik Internet der DingeDas Internet der Dinge kann nur gelingen, wenn IT-Security fester Bestandteil ist

Die Hersteller von IoT-fähigen Geräten müssen einige Hausaufgaben erledigen. Neben einem Datenschutzkonzept muss IT Sicherheit schon bei der Herstellung Teil des Qualitätssicherungsprozesses sein. Die Produkte müssen updatefähig sein und sicherstellen, dass nur autorisierte Updates eingespielt werden können. Und – und das ist heute nicht mal bei drei Jahre alten Smartphones gewährleistet – es gehört sich, dass Updates während des gesamten Lebenszyklus bereitgestellt werden, und nicht nur bis das Nachfolgeprodukt erscheint. Dies flächendeckend von der Online-Brotbackmaschine bis hin zur Online-Mehrfachsteckdose zu gewährleisten, ist utopisch. Sollte das aber zumindest weitgehend gelingen, dann wird Industrie 4.0 zur technologischen und ökologischen Revolution.

Ob letztlich also zumindest in der Industrie alle guten Dinge vier sind, wird die nahe Zukunft zeigen. Gegenwärtig gilt es zu lernen, und die vielen, jetzt schon offenen und manipulierbaren Systeme im Netz zu schließen. Wie viele Geräte heute schon offen sind, kann man nur erahnen. Eine vage Vorstellung erhält man, wenn man Marco di Filippos Webseite ansieht, auf der man Computer und Steueranlagen findet, die ungeschützt mittels VNC-Protokoll "fernwartbar" sind. Zehntausende Screenshots solcher VNC-Keyholes lassen sich durchblättern. Neben fremden PCs kann jeder an Futtermittelanlagen, Staudämmen und Eierbrutanlagen rumspielen. Ich habe Skrupel davor. Andere vielleicht nicht. Und selbst das Schalten einer Glühbirne birgt vielleicht Gefahren. Wer weiß schon, ob es sich um eine Leselampe oder um das Rotlicht einer Ampel handelt.

[1] Dr. Bernd Flessner in "Die angekündigte Revolution", Kultur & Technik 3/2016

 

Unser Gastautor Tobias Schrödel ist bekannt durch seine Fernsehbeiträge zu Stern TV und seine Live-Vorträge über die dunkle Seite der Computertechnologie. Auf der Bühne und in seinen Büchern erklärt er technische Systemlücken und Zusammenhänge für jeden verständlich und lässt dabei auch den Spaß nicht zu kurz kommen. In seinem Blog schreibt er regelmäßig über neue Technik-Themen: Verständlich und stets mit einem Augenzwinkern.

Bildquellen: © vege, 4 Girls 1 Boy - Fotolia.com


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