Buchtipp: "Kreativität aushalten" von Frank Berzbach

Buchtipp: "Kreativität aushalten"
von Frank Berzbach

Der Untertitel des Buches "Psychologie für Designer" legt nahe, dass es sich dabei um einen Ratgeber nur für Gestalter handelt. Aber mit dem kreativen Lösen komplexer beruflicher Aufgaben haben doch eigentlich die meisten zu tun, vom Manager bis zum Software-Entwickler. Warum dieser Leitfaden für viele Berufstätige eine Menge guter Tipps bereithält, erfahren Sie hier.

Es gibt viele Regeln für ein gutes Gelingen unserer Arbeit, die wir eigentlich schon kennen. Trotzdem handeln wir dann oft, ohne diese zu beherzigen und sind schließlich unzufrieden mit dem Ergebnis oder stellen unerwartete Probleme fest: bei uns selbst, im Team oder beim Kunden. Diese Regeln können Binsenweisheiten sein – oder komplexere Erkenntnisse aus der allgemeinen oder Arbeitspsychologie sowie aus den Kommunikations- und Sozialwissenschaften. In sechs Kapiteln widmet sich der Autor zahlreichen Aspekten der Berufswelt, von Motivation über Zeitmanagement und Führung bis hin zur Team- und Telearbeit. Das Thema Kreativität und die Besonderheiten kreativen Arbeitens spielen dabei immer wieder eine Rolle, werden aber – wie schon angedeutet – ergänzt um ein breites Spektrum weiterer interessanter Aspekte.

So erfährt man, wie man Kreativität begünstigen kann, welche Vorbereitung und welcher Rahmen förderlich ist und wie in einer Gruppe mit den kreativen Werken des einzelnen umgegangen werden sollte, nämlich respektvoll und immer scharf trennend zwischen einer Kritik an der Arbeit und einer Kritik an der Person. Dass uns hier – und in vielen weiteren Bereichen des Berufslebens – menschliche Schwächen schnell ein Bein stellen können, weiß der Autor stets klar aufzuzeigen.

Eine Antwort auf die Frage, woher denn die Kreativität letztlich kommt, soll dann Joseph Beuys liefern, der sich zu Lebzeiten viel mit dem Thema beschäftigte. Seine Überlegungen bleiben jedoch meines Erachtens erwartungsgemäß vage und recht abstrakt.

Kreativität ist eine Spitzenleistung

Aber wie lässt sich Kreativität nun begünstigen? Wir erfahren, dass Kreativität eine Spitzenleistung ist und selten "im Freibad mit dem Notebook auf den Knien entsteht". Ahnten wir es doch: Fleiß und Disziplin spielen eine gehörige Rolle, um gute Ideen zu generieren und in die Tat umzusetzen. Diese Disziplin bringen wir leichter auf, wenn wir mit unserer Energie haushalten, was wiederum verschiedene Aspekte beinhaltet: Unser Gehirn liebt einen ausgewogenen Tages- und Nachtrhythmus. Ein fehlendes Frühstück und stressbedingte Hungerphasen beeinträchtigen unsere kognitive Leistung erheblich. Durch dieses Versorgungsdefizit sind wir jedoch nicht einmal mehr in der Lage, unsere missliche Lage selbst festzustellen. Das Buch rät unter anderem auch zu klar umrissenen Arbeitspausen, in denen wir wirklich abschalten. Können Menschen nicht mehr abschalten, droht irgendwann ein Burnout. Doch der Betroffene hat scheinbar alles richtig gemacht, denn wer sich überarbeitet, erfährt in unserer Gesellschaft Lob. Das wussten Sie schon alles? Gut! Aber beachten Sie diese praktischen Erkenntnisse auch immer in ausreichendem Maße?

Multitasking im BüroDie Fehlerquote steigt: Arbeitspsychologen warnen vor Multitasking

Prioritäten setzen und Multitasking vermeiden

Ein weiterer Klassiker, den wir alle kennen, ist die Kategorisierung von Aufgaben: Was ist wichtig und/oder dringend und was nicht? Und wie gehen wir mit den unterschiedlichen Wertigkeiten von Tätigkeiten um? Wer ertappt sich nicht immer wieder dabei, morgens seine Mails zu lesen und gleich den "Kleinkram schnell wegzuarbeiten", wo doch wichtige Aufgaben warten, für die man die Zeit und Energie des Vormittags nutzen sollte. Dann klingelt auch noch das Telefon und schnell verhaspelt man sich im Multitasking, von dem die Arbeitspsychologie klar abrät, da es die Fehlerquote steigen lässt.

Hat man dann eine Struktur in seine Aufgaben gebracht, ergeben sich neue Herausforderungen auf dem Weg zur Besserung: Gegebenenfalls Unterstützung suchen, gekonnt deligieren oder auch einmal "Nein" sagen. Klingt ja alles ganz logisch, psychologisch betrachtet hilft "Otto Normalkollege" aber lieber den anderen, deligiert ungerne und sagt lieber "Ja". Das Buch liefert gute Gründe, es trotzdem einmal anders zu probieren.

Zusammen geht alles besser?

Auch das Arbeiten in Gruppen beleuchtet der Autor: Teamfähigkeit und Teamgeist sind "in". "Der Trend ist sehr dominant", so Berzbach, "und jede Skepsis wirkt egoistisch und ungesellig." So sind beispielsweise immer noch Brainstorming-Meetings in vielen Unternehmen zur Ideenfindung üblich. Gruppenarbeit sei aber nicht zwangsläufig effektiver als Einzelarbeit und gerade das Brainstorming scheint kontraproduktiv zu sein: Der hierzu zitierte Wirtschaftspsychologe Lutz von Rosenstiel weist darauf hin, dass in Experimenten mit Einzelpersonen wesentlich fruchtbarere Ergebnisse gesammelt wurden als im Gruppenprozess.

Von Rosenstiel weist außerdem generell in Bezug auf Teamarbeit darauf hin, dass Gruppen in ihrer Leistung nur dann überlegen sind, wenn Aufgaben unter irgendeiner Perspektive teilbar erscheinen. Stehen solche sinnvollen Gruppenaufgaben an, dann ist es psychologisch ratsam, Teamgrößen zu wählen, bei denen der Anteil des Einzelnen an der Gruppenleistung sichtbar bleibt – für Arbeitszufriedenheit und gegen Trittbrettfahrertum.

Jede Mannschaft braucht einen Coach und Gruppen brauchen eine Leitung. Als problematisch werden hier die beiden Extrempole dargestellt: der autoritäre Führer ebenso wie der Kumpeltyp, der die Führungsrolle nicht annimmt. Gefragt ist laut Berzbach eine Persönlichkeit, die im Umgang mit Menschen erfahren und gelassen ist. Diese hat die Aufgabe, die Gruppenarbeit zu moderieren, auf den Punkt zu bringen, verbindlich festzuhalten und zu kontrollieren. Eine gute Leitung wirkt auf das Team entlastend. Sie kann Verständnis und Transparenz für die Rolle der Einzelnen erzeugen und fördert auch dadurch die Verfolgung des gemeinsamen Ziels.

Fazit

So enthält das Buch neben diesen herausgegriffenen Beispielen eine Menge interessanter theoretischer und praktischer Aspekte eines gut gemeisterten Arbeitsalltags und hilft dabei, Aufgaben alleine oder im Team auf ganz unterschiedlichen Ebenen zielführender und ressourcenschonender anzugehen und zu organisieren. Die daraus (wieder-) gewonnenen Erkenntnisse können Mitarbeitern auf allen Hierarchieebenen sowie Selbständigen nützlich sein. Besonders dann, wenn sie nach dem Reflektieren Eingang in die Praxis finden und nicht von sich einschleichenden Gewohnheiten und allzu menschlichen Fehleinschätzungen wieder überlagert und schließlich verdrängt werden. "Denn nur wer richtig arbeitet, wird auf Dauer viel leisten können," so Berzbach.

In seiner Gestaltung erinnert das Buch an eine Schulkladde oder ein Notizbuch. Es ist gut strukturiert, wichtige Aussagen sind wie mit einem Marker hervorgehoben. Dies unterstreicht den Lehrcharakter, ohne dass der Inhalt des Buchs aufdringlich belehrend wirkt. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis lädt zum Weiterlesen ein.

 

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Bildquelle: © Rudie / Fotolia.com


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