Die Digitalisierung kommt – sind wir darauf vorbereitet?

Die Digitalisierung kommt – sind wir darauf vorbereitet?

Verstand man bis vor Kurzem unter Digitalisierung die Aufbereitung von Informationen zur digitalen Verarbeitung, wird der Begriff heute sehr viel weiter verwendet: Gemeint ist eine immer stärkere Vernetzung der Arbeitswelt einschließlich der industriellen Produktion. Welche Konsequenzen sich für Berufstätige daraus ergeben, wollen wir von Karriere-Coach Dr. Bernd Slaghuis wissen.

Herr Dr. Slaghuis, über "Digitalisierung" und Schlagwörter wie "Arbeiten 4.0" ist ja seit einiger Zeit viel zu lesen. Inwieweit spielt das Thema Digitalisierung in Ihrem Beratungsgeschäft derzeit überhaupt schon eine Rolle?

Dr. Bernd Slaghuis: Es kommt heute niemand zu mir in ein Coaching, um an Lösungen zum Umgang mit der Digitalisierung zu arbeiten. Die Digitalisierung selbst ist kein Thema, vielmehr sind es häufig Anliegen, von denen ich vermute, dass die Digitalisierung und damit auch die Veränderung der Zusammenarbeit in einer modernen digitalen Arbeitswelt damit zu tun haben. Ob Überforderung im operativen Alltag einer Führungskraft oder das Gefühl, als Bewerber 50+ wertlos für Arbeitgeber zu sein. Bei diesen und weiteren Themen sehe ich das Problem, dass die Arbeitswelt unsere gewohnten Denk- und Verhaltensmuster bereits überholt hat. Die Erschöpfung von Arbeitnehmern durch 24/7-Erreichbarkeit ist kein Problem der Digitalisierung an sich, sondern der Tatsache geschuldet, dass wir als Mensch nicht so schnell lernen können, gesund mit der rasanten technischen Entwicklung umzugehen.

Im Coaching geht es bei mir daher mehr um ein sich bewusst machen und eine individuelle Veränderung der eigenen Denk- und Verhaltensweise anstatt etwa der einfachen Regel, nach 19 Uhr das Smartphone auszuschalten. Jeder sollte für sich selbst herausfinden, was ein guter Weg ist, mit den Entwicklungen der Digitalisierung umzugehen.

Wie sollten Unternehmen aus Ihrer Sicht jetzt mit dem Thema Digitalisierung umgehen und Ihre Organisation, Führungskräfte und Mitarbeiter darauf vorbereiten?

Dr. Bernd Slaghuis: Wichtig finde ich, die Digitalisierung nicht als böses Schreckgespenst zu bewerten. Oftmals empfinde ich die Darstellung in den Medien zu einseitig düster. Ja, sicherlich werden bestimmte Arbeitsplätze der Digitalisierung zum Opfer fallen, das ist aber seit der Industrialisierung nichts neues. Auf der anderen Seite werden neue Ausbildungs- und Studiengänge sowie Berufe entstehen. Den Social-Media-Manager hätte sich vor 30 Jahren auch niemand vorstellen können. Ich denke, wir müssen der Digitalisierung offener und neugieriger begegnen und dorthin schauen, wo sie uns hinbringen kann.

Einschätzungen zur Digitalisierung gibt Karriere-Coach und Blogger Dr. Bernd Slaghuis

Organisationen sollten sich mit der Digitalisierung auf allen Ebenen beschäftigen. Von der Strategie bis zum operativen Tagesgeschäft. Was bedeutet die Digitalisierung im Markt- und Wettbewerbsumfeld, welche Chancen und Risiken sind zu erwarten, was bedeutet das für vorhandene Produkte und Dienstleistungen und welche Innovationen werden möglich? Wie ist das Unternehmen selbst intern aufgestellt, welche Prozesse müssen angepasst, können gestrichen oder sollten ganz neu eingeführt werden? Welche Auswirkungen hat dies alles auf die Struktur der Organisation?

In meinem Karriere-Blog gibt es einen Artikel zu Langeweile im Job mit vielen Kommentaren, in denen Beschäftigte schildern, dass sie nichts mehr zu tun haben. Für mich auch ein Zeichen, dass bereits heute die Digitalisierung Strukturen und Prozesse verändert hat, jedoch noch viel zu häufig an alten Strukturen, Hierarchiegefügen und am Ende auch an Mitarbeitern festgehalten wird, deren Aufgaben sich längst verlagert haben oder ganz entfallen sind.

Die Digitalisierung, aber auch eine Veränderung in den Köpfen von Angestellten, was Karriere heute für sie bedeutet, erfordert auch ein neues Führungsverständnis. Aus meiner Sicht geht es nicht um den einzig richtigen Führungsstil mit den Methoden X und Y, sondern um eine individuelle Grundhaltung als Führungskraft, die zu den eigenen und auch den Werten und Zielen der Mitarbeiter passt. Führung wird aus meiner Sicht in Zukunft vor allem das wirkungsvolle Management von guten Beziehungen sein. Das ist für mich die Konstante, die gesunde Führung auszeichnet und nicht der hippste Führungsstil, der alle drei Jahre neu von Management-Vordenkern propagiert wird.

Intelligente Software macht menschliche Arbeit in einigen Bereichen überflüssig, andererseits schafft die Digitalisierung neue Arbeitsformen und bisher unbekannte Berufe. Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie für Berufstätige, die in den nächsten Jahren mit der kontinuierlichen Veränderung in Berührung kommen werden?

Dr. Bernd Slaghuis: "Kontinuierliche Veränderung" ist für mich das wichtigste Stichwort dieser Frage. Aus meiner Sicht führt die Digitalisierung zu einer höheren Veränderungsgeschwindigkeit. Wenn ich mir unser menschliches Verhalten und unsere immer noch arg auf Sicherheit, Gewohnheit und Kontinuität geprägte Denkweise ansehe, dann haben die meisten von uns – und auch viele Manager und Entscheider in Unternehmen – ein echtes Problem mit Veränderungen. Das Neue ist attraktiv, aber bitte ohne Veränderungen in der eigenen Komfortzone! – so das häufige Denken. Intelligente Software erhält wöchentliche Updates. Unser Gehirn ist heute noch auf deutlich weniger "Updates" eingestellt.

Der gesunde Umgang mit Veränderungen ist die aus meiner Sicht größte Herausforderung unserer Zeit. Mehr Gelassenheit ist ein Ziel, das sich viele meiner Klienten für sich persönlich, aber auch im Beruf wünschen. Es ist ein Lernprozess, in dem wir uns bereits seit Jahren befinden: Die Erfahrung, dass das Neue und Unbekannte in den meisten Fällen nicht wie in der Steinzeit lebensbedrohlich ist, sondern ganz im Gegenteil dazu beiträgt, den eigenen Horizont und Handlungsrahmen zu vergrößern. Intelligente Software und andere Errungenschaften einer modernen Arbeitswelt verschaffen uns eigentlich Freiräume. Wenn wir es schaffen, diese Freiräume zu erkennen und für Neues, das weiter führt zu nutzen statt an Altem festzuhalten, erst dann hat Veränderung auch einen echten Nutzen.

Abschließend Ihr Tipp für unsere jungen Leser: Sollte die Digitalisierung der Arbeitswelt schon bei der Wahl von Ausbildung und Studium eine Rolle spielen?

Dr. Bernd Slaghuis: Ja klar! Das heißt aber nicht, dass plötzlich alle Abiturienten Informatik studieren und Programmierer werden müssen. Die Arbeitswelt verändert sich und ich finde es wichtig, auch schon als Jugendlicher die großen Trends im Blick zu haben. Sich zu überlegen, welche Berufsgruppen in Zukunft besonders gefragt, welche Branchen und Industriezweige wie von den Veränderungen betroffen sein könnten und – ganz wichtig! – was einem selbst im Beruf besonders wichtig sein wird und wo die eigenen Stärken und Talente liegen. Die Gefahr ist groß, dass nur mit dem Blick auf den Hype "Digitalisierung" Studierende und Berufseinsteiger sich selbst vergessen und in fünf Jahren im Job bemerken, etwas zu tun, das ihnen nicht liegt und sie nicht ausfüllt. Auch wenn die Dynamik steigt, wird nach meiner Einschätzung die Arbeitswelt nicht innerhalb von 10 Jahren derart anders sein, dass eine bestimmte Ausbildung oder eine Spezialisierung im Studium völlig nutzlos sind. O. k., vielleicht der Fotolaborant.

Ich habe den Eindruck, wir überbewerten heute die prognostizierten Veränderungen durch die Digitalisierung, vergessen dabei jedoch, dass sowohl Bildung als auch Unternehmen schwere Schiffe sind, die nur langsam ihren Kurs wechseln werden. Viel wichtiger finde ich daher, bei der Wahl des Ausbildungsunternehmens oder der Hochschule bereits heute darauf zu achten, wie die Themen rund um die Digitalisierung in die Ausbildung bzw. die Lehrveranstaltungen integriert sind. Was in 10 Jahren sein wird, ist der Blick in die Glaskugel. Doch jeder von Ihnen kann heute bewusst darauf achten, Flexibilität und damit Veränderungsbereitschaft zu trainieren und das zu tun, wovon Sie selbst glauben, dass es wichtig ist, um für die nächsten Jahre im Beruf gut gerüstet, glücklich und gesund zu sein.

Danke für das Interview!

Unser Gesprächspartner Dr. Bernd Slaghuis ist selbständiger Karriere-Coach in Köln. In seinem Karriere-Blog „Perspektivwechsel“ schreibt er über die Themen Recruiting, Bewerbung, Karriere, Führung und mehr.

 

Bildquelle: © turgaygundogdu - Fotolia.com, Dr. Bernd Slaghuis


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Kommentare

Lars 11.09.2016 19:00
Wenn die Entwickler bei Genua "Programmierer" lesen, springen sie Herrn Slaghuis wahrscheinlich mit einem selten nackten nicht gerade beliebigen Körperteil in das Gesicht. ;)
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