Führungskräfte müssen Vollzeit arbeiten – stimmt das wirklich?

Führungskräfte müssen Vollzeit arbeiten – stimmt das wirklich?

Mein Publikum lauscht gespannt, während ich die Vielfalt von Arbeitszeitmodellen, die genua ermöglicht, auf einem Kongress für Personalverantwortliche vorstelle. Während ich die Zahlen zur Arbeitszeitverteilung im Unternehmen präsentiere, kann ich förmlich spüren, wann mein Publikum die entscheidenden Zahlen gesehen hat. Es sind die Zahlen zu Wochenarbeitszeit und Elternzeit bei Führungskräften...

"Sie haben da jemanden aus dem obersten Management mit einer reduzierten Wochenstundenzahl! Funktioniert das denn? Ich könnte mir das bei uns nicht vorstellen!", fragt einer der Zuhörer und spricht damit aus, was alle denken. Teilzeit bei Führungskräften ist für viele noch immer undenkbar.

Meine Erfahrung bei genua sagt aber: Es funktioniert. Es funktioniert genauso wie Teilzeit bei unseren Führungskräften der zweiten Ebene oder bei all den anderen Teilzeit-Mitarbeitern.

Es fällt mir dabei schwer zu begründen, warum es funktioniert. Denn ich sehe auf den ersten Blick keinen Grund, warum bei einer Führungskraft nicht möglich sein sollte, was bei Mitarbeitern in anderen Positionen weit verbreitet ist. Doch auf den zweiten Blick wird klar: Die Unternehmenskultur spielt hier eine große Rolle. Teilzeit wird zur Falle, wenn die reine Anwesenheit eine wichtige Rolle spielt. Oder auch, wenn Entscheidungen nur der Chef trifft.

Vertreterregelung ist wichtig

Zu unserer Unternehmenskultur bei genua gehören beispielsweise reibungslos funktionierende Vertreterregelungen. Da wir Mitarbeiter und Führungskräfte in der Freizeit in der Regel nicht kontaktieren, ist das auch absolut notwendig. Schließlich gibt es auch dann etwas zu tun, wenn Kollegen in Urlaub oder im Feierabend sind. Wenn ich bei meinen Analysen einen Bereich sehe, in dem die Vertretung nicht funktioniert, bestehe ich darauf, dass das geändert wird (und gehe meinen Mitarbeitern dabei gelegentlich sehr auf die Nerven). Die Arbeit muss weitergeführt werden können, auch wenn jemand nicht da ist.

Entspannter Mann auf Bank im ParkEine gute Vertreterregelung ermöglicht auch Führungspersonen reduzierte Arbeitszeit

Diese Kultur führt unter anderem dazu, dass Kollegen in Projekten Vertreter haben und Mitarbeiter Entscheidungen in Abwesenheit der Führungskräfte treffen können (und auch müssen). In manchen Bereichen ist das ungewohnt. So arbeiten bei uns die Kollegen im Vertrieb sehr oft gleichberechtigt im Team und können sich untereinander fast nahtlos vertreten. Meine Mitarbeiter wissen ziemlich genau, welche Kriterien ich bei einer Entscheidung anwende und können daher auch mal in meiner Abwesenheit eine Entscheidung treffen. Diese Kultur, die jedem Verantwortung zumutet, macht es möglich, dass auch die Führungskräfte in Teilzeit gehen können.

Nach meiner Erfahrung ist es dabei für den reibungslosen Ablauf im Unternehmen leichter, wenn eine Führungskraft die tägliche Arbeitszeit reduziert – denn die tägliche Erreichbarkeit bleibt so gewährleistet, und es entstehen keine allzu langen Wartezeiten für Entscheidungen. Gleichzeitig ist es aber häufig für die Führungskraft viel attraktiver, die Teilzeit mit ein oder zwei freien Tagen pro Woche zu realisieren. Das funktioniert, wenn entweder eine ständige, kompetente Vertretung an diesen Tagen greifbar ist oder wenn man für dringende Fragen an den freien Tagen erreichbar bleibt.

Ein Minimum von 25 Arbeitsstunden pro Woche ist hilfreich

Bei genua haben wir überwiegend Modelle, bei denen Führungskräfte ihre Arbeitszeit nur wenig reduzieren. Das hängt damit zusammen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei genua recht einfach ist und deswegen die Notwendigkeit für eine 20-Stunden-Teilzeit meistens gar nicht gegeben ist. Arbeitszeiten ab 25 Stunden pro Woche erleichtern Teilzeit-Führungskräften und dem Unternehmen das Leben erheblich.

Ich selbst hatte gelegentlich meine Arbeitszeit etwas reduziert. Zur Zeit arbeite ich Vollzeit. Aber meine privaten Randbedingungen ändern sich mit dem Schulwechsel eines meiner Kinder in den nächsten Monaten. Kann sein, dass ich dann wieder etwas reduziere. Problem wird es keines geben – warum auch?

Zum Weiterlesen empfehle ich diesen Artikel, in dem eine aktuelle wissenschaftliche Studie zum Thema vorgestellt wird:
bibliothek.wzb.eu/wzbrief-arbeit/WZBriefArbeit152013_hipp_stuth.pdf

 

Bildquelle:© cirquedesprit und © Aramanda - Fotolia.com


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