Seitenwechsel: Von der Agentur in den Mittelstand

Seitenwechsel: Von der Agentur in den Mittelstand

Arbeiten in einer Agentur oder in einem "klassischen" Unternehmen? Zugegeben, beides hat seine Vorzüge. Nach einigen Agentur-Jahren bin ich seit nun schon fast eineinhalb Jahren als Webentwickler bei genua und habe damit den berüchtigten Seitenwechsel vollzogen. Warum ich mich für die Arbeit in einem mittelständischen Unternehmen entschieden habe, möchte ich Ihnen in diesem Artikel erläutern.

Angefangen habe ich mit dem Internet als Autodidakt und mit einem privaten Webprojekt, das 1996 startete und sich von da an explosiv entwickelte. Dennoch habe ich, wohl wissend ob meiner miserablen Fähigkeiten als "Verkäufer in eigener Sache", 2001 in einem Technikhaus mit enger Agenturanbindung eine "anständige Arbeit" aufgenommen. Das monatliche Einkommen war gesichert, kraft Begeisterung konnte ich mein Projekt parallel zur Arbeit noch einige Jahre weiterführen und dabei lernen, lernen, lernen.

Mittlerweile sind viele Jahre vergangen. Dem Technikhaus ging es irgendwann nicht mehr so gut. Ich suchte etwas Neues und heuerte bei einer waschechten Münchner Agentur an. Dort hatte ich zunächst viel Spaß dank ambitionierter Projekte. Und wieder konnte ich lernen. Diesmal aber fast mehr, als mir lieb war. Über wirtschaftliche Hintergründe, Menschen, ein für mich neues Verständnis von "Zusammenarbeit" und viele andere Dinge mehr. Ich brauchte bald einen Tapetenwechsel, so dass ich mich erneut auf die Suche nach einer passenderen Beschäftigung gemacht habe. Mein Ziel: keine Agentur mehr, bloß nicht! Dafür fühlte ich mich mittlerweile zu alt. Der "Wechsel auf die andere Seite" musste her. Was in der Regel bedeutet, dass man sich einen Job bei einem Agenturkunden sucht, was für mich allerdings nicht in Frage kam. Also habe ich einen anderen Seitenwechsel vollzogen. Nämlich den aus der Agentur heraus und in ein mittelständisches Unternehmen hinein.

Neustart: Dieselbe Arbeit, nur anders

Seither komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Weil sich nämlich irgendwie nichts, aber irgendwie doch auch alles verändert hat. Das Lernen geht weiter – jeden einzelnen Tag.

In einer Agentur geht es vorrangig darum, komplexe Projekte und Kundenwünsche innerhalb eines sehr eng gesteckten budgetären und zeitlichen Rahmens auf den Punkt umzusetzen. Nachverhandeln ist schwierig bis unmöglich, Fehler inakzeptabel. Aus den Anforderungen des knallhart kalkulierten Agenturgeschäfts heraus werden allzu schnell Fähigkeiten verkauft, über die das Entwicklungsteam am Ende gar nicht wirklich verfügt und die oft unter Zeitdruck erlernt werden müssen.

Teamwork im Unternehmen: Zusammenraufen, organisieren und gemeinsam aus Erfahrungen lernen

Im mittelständischen Unternehmen fehlt dagegen in aller Regel das typische "Projektgeschäft". Web-Projekte gibt es natürlich, müssen aber so aufgestellt sein, dass sie gut mit dem Arbeitsalltag teilnehmender Kollegen vereinbar sind. Bei genua und sicherlich generell in mittelständischen Betrieben geht es eher darum, den Betrieb selbst, seine Abteilungen, Prozesse und Geschäftsmodelle zu begreifen, um am Ende eine passende Lösung anbieten zu können. Und stößt man in Agenturen bisweilen auf, sagen wir mal, eher "karriere-fokussierte" Mitmenschen, so begegnet man im mittelständischen Betrieb den Kollegen auf Augenhöhe. Diese Kollegen verdienen es schon allein aufgrund ihres persönlichen Engagements, in ihren Wünschen und Ansichten respektiert und verstanden zu werden.

Im Moment fühle ich mich sehr wohl. Jeder Tag, jeder Schritt nach vorn bringt neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Unruhe, Stress, Ärger und Rückschläge wird es immer geben. Wo Menschen sind, wird gemenschelt, wo gearbeitet wird, passieren Fehler. Doch auf das rechte Maß kommt es an. Und vor allem darauf, wie sich alle zusammenraufen, organisieren und gemeinsam aus ihren Erfahrungen lernen.

Alles hat seine Vorteile

Ich kann Agenturen all denen empfehlen, die am Anfang ihrer Karriere stehen oder über recht spezifische charakterliche Eigenschaften verfügen. Es braucht Ruhe, Gelassenheit und einen guten Magen, um bestimmte Facetten des Arbeitsalltags auf Jahre gesund aushalten zu können. Wer das nicht mitbringt, sollte Agenturen meiden – denn hier wird nicht selten ein enorm hoher persönlicher Einsatz der Angestellten gefordert.

Jeder hat die Aufgabe, sich über die eigene Persönlichkeit Gedanken zu machen, herauszufinden, was er mag und was nicht – und berufliche Entscheidungen zu treffen. Aber vergessen wir die Vorteile nicht: Nur in Agenturen erhält man die Möglichkeit, sich mit einer extrem breiten, vielfältige Palette von Aufgaben und Herausforderungen zu konfrontieren. Entsprechend groß sind die Lernmöglichkeiten.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht etwa, dass die Aufgaben in einem mittelständischen Unternehmen geringer oder trivialer sind. Lediglich der Horizont und die Leitplanken rücken ein wenig zusammen. Während in der Agentur die völlig unterschiedlich beschaffenen Kunden mitsamt ihren individuellen Wünsche und Anforderungen kommen und gehen, verändert das Unternehmen seine Erscheinungsform nur innerhalb gewisser Grenzen; am Ende geht es hier eher um Nachhaltigkeit, anhaltende Qualität sowie die persönliche Identifikation mit der eigenen Arbeit.

Einfacher ist das auch nicht unbedingt, aber anders. Wie ich schon sagte: Das Lernen geht weiter – jeden einzelnen Tag.

 

Bildquelle: © Sergey Ilin - Fotolia.com


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