Wahljahr bremst öffentliche Projekte

Wahljahr bremst öffentliche Projekte

Neulich auf einer Veranstaltung: "Was ist denn aus eurem schönen, großen Projekt geworden, von dem du mir vor ein paar Monaten erzählt hast?" fragt mich ein befreundeter Unternehmer. Ich seufze tief auf. "Das hat sich gerade verschoben," antworte ich. Warum sich solche Gespräche über öffentliche Projekte in Wahljahren regelmäßig wiederholen, erklärt Dr. Michaela Harlander, Geschäftsführerin von genua.

"Wann wird es denn realisiert?" hakt er interessiert nach. "Das kann man noch nicht sagen, wahrscheinlich wird sich das erst im Frühjahr nächsten Jahres klären," stelle ich ihm die unbefriedigende Situation dar. Das Projekt ist wirklich schön, wir können einige unserer Produkte platzieren, auch technisch ist es wirklich spannend. "Warum dauert denn das so lange?" fragt mein Unternehmerfreund ungläubig nach. "Es ist Wahljahr," antworte ich und blicke in ein zutiefst verständnisloses Gesicht.

genua erwirtschaftet Umsätze sowohl im Bereich öffentlicher Auftraggeber als auch im Bereich der Privatwirtschaft. Unsere öffentlichen Auftraggeber stammen vorwiegend aus dem Bereich der Bundeseinrichtungen. Oftmals sind unsere Aufträge an große Infrastrukturprojekte gekoppelt. Und diese wiederum unterliegen politischen Einflüssen. Und genau da liegt der Hund begraben: Jede neue Regierung möchte in den wichtigen Bereichen ihre politischen Akzente deutlich sichtbar hinterlassen. Das hat Einfluss auf große Projekte.

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An einem einfachen Beispiel erläutert: Je nachdem, wie sich eine neue Regierung zur Energiewende stellt, gestaltet sich der Bedarf an starker Absicherung der Steuerung von Energienetzen. Steht Datenschutz in der Prioritätenliste weit oben, wird man mehr auf Sicherheit achten als bei einem reinen Blick auf den Strompreis. Bis man sich aber in einer neuen Regierung auf ein entsprechendes Vorgehen geeinigt hat, müssen erst Koalitionsverhandlungen geführt, Ressorts neu besetzt und Projektteams gebildet werden. Viele wichtige Projekte stehen also rund um eine Bundestagswahl erst einmal still – schließlich weiß man nicht, was nach der Wahl erwünscht sein wird und was nicht.

Jeder Markt folgt eigenen Regeln

Mein Unternehmerfreund ist ausschließlich im Bereich der Privatwirtschaft tätig. Er kennt die Auftragsschwankungen aufgrund konjunktureller Einflüsse gut, ständig beobachtet er die entsprechenden Frühindikatoren. Die völlige Unberechenbarkeit, die wir teilweise im Bereich der öffentlichen Auftraggeber erleben, kennt er nicht. Für ihn hört sich das ein bisschen so an, als würde über uns alle vier Jahre eine kurze Wirtschaftskrise hereinbrechen.

"Bin ich froh, dass ich mit diesem Geschäft nichts zu tun habe," entfährt es ihm, und man merkt, das kommt von ganzem Herzen. Natürlich ist der staatliche Sektor ein Korrektiv zu den Schwankungen der Privatwirtschaft. In der Regel fallen nicht beide Märkte gleichzeitig weg. Es gibt gute Gründe, mehrere Märkte zu bearbeiten. Aber es braucht eben auch die Nerven, um die Unwägbarkeiten dieser verschiedenen Welten auszuhalten.

In ein paar Monaten, wenn klar ist, auf welche Projekte man sich in der neuen Regierung einlassen wird, welche verschoben werden, welche neu aufgelegt werden und welche in der Versenkung verschwinden, dann ist auch für mich das Wahljahr zu Ende.

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Bildquelle: © FM2, freshidea – Fotolia.com


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