Vizepräsident in bester Gesellschaft

Vizepräsident in bester Gesellschaft

Ende letzten Jahres wurde unser Kollege Alexander von Gernler zum Vizepräsidenten der Gesellschaft für Informatik gewählt. Um mehr über die Fachgesellschaft und seine neue Rolle zu erfahren, treffen wir Alexander an seinem Arbeitsplatz bei genua zum Gespräch.

Alexander von Gernler studierte Informatik und ist seit 12 Jahren bei genua beschäftigt. Im Unternehmen nahm er unterschiedliche Rollen wahr – vom Software-Entwickler über Scrum Master bis hin zum technischen Botschafter und Leiter der Forschung. Wir wählen diesen abwechslungsreichen Karriereweg als Ausgangspunkt für unser Gespräch.

Deine Karriere bei genua brachte Dich u. a. durch Forschungsprojekte und als Ansprechpartner für akademische Einrichtungen auch zum Netzwerken innerhalb der IT-Community. Erzähl doch bitte mal, wie Du mit der Gesellschaft für Informatik (GI) in Berührung gekommen bist.

Alexander: Interessanterweise hatte ich die GI gar nicht vom Studium an fest auf dem Radar, sondern habe sie erst später wirklich richtig kennen gelernt. Natürlich wusste ich, dass es die GI gibt, aber den Ausschlag brachte eines unserer zahlreichen Forschungsprojekte. Die Zusammenarbeit lief gut, und die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Den Professor, mit dem wir zusammen gearbeitet haben, hatte die Ernsthaftigkeit beeindruckt, mit der wir uns in solche Projekten einbringen. Er selbst war auch schon Junior Fellow der GI und wusste, dass dort immer wieder engagierte Personen gesucht werden, die der GI auch als Botschafter und "Aushängeschild" dienen können.

Ich habe mich dann auf sein Anraten hin einfach mal beworben und bin über das Junior Fellowship tief in die GI hineingekommen. Dort gab es dann viele Möglichkeiten, sich ehrenamtlich für den immerhin 20.000 Mitglieder starken Verein einzusetzen, was ich gerne gemacht habe. Zunächst war ich im Kreis der Junior Fellows selbst aktiv und habe mich dann auch beim 14-tägig erscheinenden GI-Radar als Autor beteiligt. Es folgten die Wahl in das Präsidium der GI, und letztes Jahr wurden eben Kandidaten für den Vorstand gesucht.

Wir wissen, dass Du Dich über technische IT-Themen hinaus sehr für Open Source, Netzpolitik usw. interessierst. Welche Aspekte oder Handlungsfelder der Gesellschaft für Informatik haben Deine Aufmerksamkeit besonders geweckt?

Alexander von GernlerDie Vermittlung der Informatik ist Alexander von Gernler ein wichtiges Anliegen

Alexander: Es gibt ja mehrere Vereinigungen, die sich in irgendeiner Form mit der Informatik beschäftigen. Die Branchenverbände BITKOM oder eco vertreten etwa die kommerziellen Interessen ihrer Mitglieder. Daher sind sie nicht als rein neutrale Stimmen zu werten. Der Chaos Computer Club (CCC) setzt sich sehr stark für Bürgerrechte im Informationszeitalter, kritischen Umgang mit Technik und auch Datenschutz, IT-Sicherheit und Privatsphäre ein.

Die GI hingegen ist stärker auf die Informatik selbst als sich ständig entwickelnde Wissenschaft und Praxis fokussiert. Sie ist eine neutrale und möglichst objektiv auftretende Organisation, die nach außen weder Konzerninteressen noch eine starke politische Agenda vertritt, sondern vielmehr auf die Meinungsbildung des Einzelnen setzt.

Traditionell tummeln sich viele Akademiker innerhalb der GI, weil der Verein zu allen forschungsrelevanten Feldern eigene Fachbereiche oder Fachgruppen unterhält, in denen sich zum Stand der Kunst ausgetauscht wird. Auch viele Pädagogen sind in der GI organisiert, Stichwort Didaktik der Informatik. Die GI sorgt sich hierzulande sehr um den Informatiknachwuchs und organisiert viele Formate, die Jugendlichen das Fach früh nahebringen sollen. So gibt es etwa den "Informatik-Biber", den "Jugend- und Bundeswettbewerb Informatik" oder die "Informatik-Olympiade".

In letzter Zeit orientiert sich die GI auch wieder vermehrt in Richtung Wirtschaft, aber weniger als weiterer Interessenverband mit Agenda, sondern als Vereinigung für alle Praktiker der Informatik. Zielgruppe sind zum Beispiel Software-Entwickler oder auch Azubis der IT-Berufe. Das finde ich sehr spannend und da möchte ich auch meinen Beitrag leisten.

Inwieweit bietet die Gesellschaft für Informatik ihren Mitgliedern Möglichkeiten, bei IT-Themen innerhalb der Gesellschaft, Wirtschaft oder im weitesten Sinne in der Ausbildung mitzugestalten und Impulse zu geben? Und hast Du das Gefühl, dass Ihr als Institution neben den lauten Stimmen schlagkräftiger IT-Konzerne ausreichend wahrgenommen werdet?

Alexander: Die GI lebt vom Engagement ihrer Mitglieder, und wenn dieses vorhanden ist, werden viele Dinge möglich. So hat die GI letztes Jahr etwa auch einen parlamentarischen Abend zum Thema Bildung im Digitalen Zeitalter organisiert. Traditionell sind Akteure der GI auch im Dialog mit der Öffentlichkeit, der Politik oder den Medien. Bei der GI landen Anfragen von Nachrichtenmagazinen, die Sachverhalte der Informatik erklärt haben möchten, vor allem bei neuen Sicherheitslücken. Auch wenn Parlamente auf Landes- oder Bundesebene über Gesetzesvorhaben abstimmen, hat die GI oft die Möglichkeit, sich als Expertengesellschaft zu äußern.

Die GI vergibt jährlich in Zusammenarbeit mit dem Bundeswirtschaftsministerium einen Innovations- und Entrepreneurpreis, und hat letztes Jahr auch einen eigenen Wirtschaftsbeirat ins Leben gerufen, um gerade die Wirtschaftsseite des Vereins zu stärken.

Ich denke, dass die GI neben den mächtigen Wirtschaftsverbänden und Konzerninteressen durchaus Gehör bei politischen Entscheidern findet. Der Grund liegt genau darin, dass sie keine eigene Agenda verfolgt, sondern dem Fach Informatik und der Neutralität verpflichtet ist.

Wenn Du es mit wenigen Sätzen erklären müsstest: Was ist momentan das Hauptanliegen der Gesellschaft für Informatik?

Alexander: Laut Satzung ist der Zweck der GI ja – verkürzt – folgender: Die GI fördert die Informatik sowohl in Theorie als auch Praxis. Sie unterstützt die in der Informatik Tätigen, unterrichtet die Öffentlichkeit zu Auswirkungen der Informatik und gestaltet die Fortentwicklung des Fachs mit. Sie fördert den Nachwuchs und bringt durch eigene Veranstaltungen die obigen Botschaften unter die Leute.

Was aus meiner Sicht eines der wichtigsten aktuellen Anliegen sein muss: Wir Informatik-Praktizierenden tragen seit einiger Zeit eine immense gesellschaftliche Verantwortung, ob wir wollen oder nicht. Algorithmen bestimmen unsere Informationsbeschaffung, unseren Nachrichtenkonsum, die Vergabe von Krediten und die Bestimmung von Preisen. Algorithmen steuern aber auch Lenkflugkörper, vermitteln Lebensabschnittspartner oder lenken den Saugroboter durch die Wohnung.

Und in immer kürzeren Abständen werden Sicherheitsprobleme und Datenlecks in wichtigen Systemen bekannt. Im Zuge der Digitalisierung bleibt da derzeit kein Auge trocken. Praktisch niemand entkommt der Informatik in seinem täglichen Leben. Da kann ich mich als Informatiker nicht hinstellen und sagen, mich gehe das alles nichts an.

Wenn man sich zur Wahl in den Vorstand der Gesellschaft für Informatik stellt, hat jemand wie Du bestimmt auch eine persönliche Agenda. Jetzt bist Du Vizepräsident: Welche Ziele möchtest Du bis zum Ende Deiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei der GI verwirklichen?

Alexander: Ich finde es wichtig, die Partizipation unserer vielen Mitglieder zu stärken und möchte dafür auch die Möglichkeiten schaffen oder erweitern. In unserer hektischen Zeit ist langfristiges ehrenamtliches Engagement ja keine Selbstverständlichkeit mehr. Deshalb gehören die Leute, die sich engagieren, auch ordentlich unterstützt.

Die Orientierung der GI hin zu Mitgliedern aus der Wirtschaft finde ich richtig und wichtig. Ich will als Betroffener meine Sicht einbringen, wie die GI für Mitglieder mit praktischem Hintergrund auch attraktiver werden kann.

Die Vermittlung der Informatik und ihrer Konsequenzen ist mir auch ein wichtiges Anliegen, denn wer sonst als wir Informatiker könnte die Öffentlichkeit verlässlich über die Folgen der Technik aufklären?

Daneben gilt es, Brücken zu anderen Gruppierungen zu bauen, die innerhalb der GI nicht so stark repräsentiert sind, etwa die Open Source- oder Hacktivisten-Szene. Wenn gleiche Ziele verfolgt werden, sollte nicht auf Gruppenzugehörigkeit geschaut werden.

Ich würde mich auch freuen, wenn wir die GI in den nächsten zwei Jahren noch mehr als Stimme der gesellschaftlichen Verantwortung positionieren könnten, ohne aber nur mit dem erhobenen Zeigefinger herumzulaufen. Vielmehr möchte ich daran mitwirken, dass wir ein positives Zukunftsbild der Informatik zeichnen können, das den Nutzen für die Bevölkerung erkennen lässt.

Dabei wünschen wir Dir viel Erfolg!

Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Gesellschaft für Informatik e.V., dort finden Sie auch die Pressemeldung zur Wahl des GI-Vorstands.

 

Bildquellen: © sdecoret - Fotolia.com, frauherz.de


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